Freitag, 20. Juli 2018

Seifersdorf

Geburtstag: 1335
Einwohner: 821
Bekannt für: einen schönen Landschaftspark im Tale



Was gibt es bei Sommerhitze Schöneres als durch einen schattigen Landschaftspark zu lustwandeln, der von einem Fluss durchzogen wird? Zu Zeiten Christina von Brühls, genannt „Tina“ (1756-1816) wohl nicht viel. Und weil ihr der gewünschte Landschaftspark fehlte und die Grünanlage des Wohnschlosses zu klein war, ließ sie einen eigenen Park im nahegelegen Seifersdorfer Tal anlegen, welches von der Großen Röder durchflossen wird. Nach ihren Wünschen und ganz dem damaligen empfindsam-romantischen Zeitgeist entsprechend, findet man als Besucher, auch heute noch, verschiedenste Tempel, Gedenksteine, Urnen und Sinnsprüche entlang des Weges. Beim Spazieren über den manchmal etwas steinigeren Weg kommen beim Besucher jedoch Zweifel auf, ob Tina von Brühl in ihrem zarten Empirekleid wirklich durch das Tal wanderte. Nichts desto trotz ist das Seifersdorfer Tal ein wunderschöner Ort indem sich Natur und Kultur perfekt zu einem großen Ganzen verbinden. Und auch wenn man beim ersten Besuch nicht alle Denkmäler entdeckt hat, ist es nicht so schlimm, denn der Park kann kostenfrei besichtigt werden. (Hinter der Pflege dieses Areals steht natürlich wieder ein Förderverein, der sich sicher über jede Spende freut. Und wenn ich so etwas schreibe, ist das keine Werbung. Es ist mir einfach eine Herzensangelegenheit, dass solche Kulturdenkmäler erhalten bleiben. Also wer möchte, kann ja mal ´nen Fuffi o. ä. auf das Spendenkonto werfen. Wer das nicht möchte, macht es eben nicht.)

Was gibt es da zu sehen?

Das Schloss

In den Jahren 1531 bis 1535 wurde an Stelle des heutigen Gebäudes ein Wasserschloss für Christoph von Haugwitz errichtet. Bis 1747 gehörte das Rittergut Seifersdorf der Adelsfamilie von Grünrod, die jedoch ausstarben. Danach fiel es in die Hände des kurfürstlich-sächsisch und königlich-polnischen Premierministers Heinrich von Brühl. Ab 1771 lebten sein Sohn Hans Moritz von Brühl und seine Schwiegertochter Christina von Brühl im Seifersdorfer Schloss. Seine heute noch neogotische Gestalt erhielt das Schloss aber erst zwischen 1818 bis 1826 unter Carl von Brühl und nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel.









Das Seifersdorfer Tal

Das Ehepaar von Brühl führte ein für Adelige relativ zurückgezogenes Leben in Seifersdorf. Damit aber keine geistige Langeweile aufkommt, legte Tina von Brühl einen Landschaftspark an. Am 26. Juli 1781, dem Geburtstag ihres Ehemannes, wurde der Tempel „Moritz und den ländlichen Freuden“ auf einer Waldwiese eingeweiht. Dieser Tempel und viele andere Gartenszenen sind nicht mehr erhalten oder inzwischen stark verfallen. Trotzdem gibt es im Seifersdorfer Tal noch viel zu entdecken. Und zwar so viel, dass ich leider auch manchmal nicht mehr weiß, welchem Dichter, Musiker oder sonstigem Lieblinglingsmenschen der Familie von Brühl welcher Stein gewidmet ist.


Die Große Röder durchfließt das Tal auf  zwei Kilometern Länge.


"Ach wie schön"
Dieser Ausspruch steht kaum erkennbar auf der unteren der beiden Sandsteintafeln. Auf der oberen steht: "Für Johanna und Moritz 1820".

Das Bad
Reste der Ufermauer

Denkmal des Grafen Heinrich von Brühl
Auf dem aufgeschütteten Steinhaufen thronte bei der Errichtung 1782 noch ein Sarkophag.

Das Herder-Denkmal
Einst war die lebensgroße Büste aus Sandstein, inzwischen ist sie aus Eisen. Die Sandsteinsäule wurde im Jahr 1927 erneuert.


Das Denkmal des Grafen Moritz und der Gräfin Christina von Brühl, genannt "Den freundlichen Pflegern dieses Thales"


Das Denkmal "Dem Sänger des Thales"
Es ist dem Hofkomponisten Johann Gottlieb Naumann (1741-1801) und dem Dichter und preußischen Beamten Wilhelm Neumann (1781-1834) gewidmet.

Das Denkmal des Grafen Carl von Brühl
Das Denkmal wurde 1791 zum Geburtstag des Grafen von seinen Eltern aufgestellt.

Der Denkstein auf der Waldwiese
Er wurde 1833 von Carl von Brühl aufgestellt, genau an der Stelle an der sich der Tempel "Moritz und den ländlichen Freuden" befand.


Die Marienmühle liegt mittig im Seifersdorfer Tal und ist eine beliebte Ausflugsgaststätte.

Über dem Eingang des Hauses thront das Wappen der Familie von Brühl und die Unterschrift C. Gr. v. B, was darauf hinweist, dass Carl von Brühl das Gebäude im 19. Jahrhundert neu errichten ließ.

Die Bergquelle "Schöpfe schweigend"


Der Obelisk
Der aus Sandstein gefertigte Obelisk ist ca. acht Meter hoch und steht auf einem ca. fünf Meter hoch aufgeschütteten Hügel und wurde 1784 aufgestellt.


Das Denkmal der Herzogin Amalie von Weimar
Die Herzogin war mit der Familie von Brühl eng befreundet. Die lebensgroße Büste war einst bunt bemalt und wurde wahrscheinlich in der Zeit nach ihrem Tod im Jahr 1807 aufgestellt.

Das Denkmal des Prinzen Leopold von Braunschweig
Leopold war der Bruder von Anna Amalie von Sachsen-Weimar und ertrank 1785 in der Oder bei Frankfurt, angeblich während er Menschen vor der Flut retten wollte. Um seinen vermeintlichen "Opfertod" ranken sich viele Legenden, die ihren Einzug in die bildende Kunst und die Literatur fanden.


Lauras Denkmal
Das Denkmal ist der Geliebten des Francesco Petrarca (1304-1374) gewidmet. "Petrarcas Hütte", die nur noch bruchstückhaft erhalten ist, steht direkt daneben.

Die Quelle der Vergessenheit der Sorgen

Die Hermannseiche mit dem Hermannsdenkmal
Dieses Denkmalensemble ist der historischen Figur des Arminius gewidmet, der besonders im 19. Jahrhundert zu einer Symbolfigur des deutschen Nationalismus wurde, der sich auch viele Schriftsteller widmeten.

Die Grundmühle
Sie liegt am südöstlichen Ende des Tales und gehört schon zur Ortschaft Liegau-Augustusbad.


Entweder ist das die Ruine der Vergänglichkeit oder der Altar der Tugend oder der Altar der Wahrheit.

Die Linde der Ruhe

Lorenzos Grab
Das Grab und die nicht mehr vorhandene gleichnamige Hütte beziehen sich auf den englisch-irischen Autor Laurence Stern (1713-1768) und seinem unvollendeten Werk "Sentimental Journey Through France And Italy" aus dem Jahr 1768.

Samstag, 14. Juli 2018

Großgörschen

Geburtstag: 1277 (urkundliche Ersterwähnung)
Einwohner: 819
Bekannt für: eine Schlacht aus der ein Volksfest wurde



Wie viele Erinnerungsstücke braucht es im öffentlichen Raum, um ein historisches Ereignis im kollektiven Gedächtnis zu halten? Und in welcher Form sollte dies gemacht werden? Genügt ein Monument aus Stein? Oder sind in den Gehweg eingelassene Grabplatten besser? Braucht eine Gesellschaft Gedenktage, an denen man mehr oder weniger pathetisch Blumenkränze niederlegt? Die Ortschaft Großgörschen in Sachsen-Anhalt hat noch eine Form des Gedenkens gefunden, um an die erste Schlacht der Befreiungskriege zu erinnern, die am 2. Mai 1813 auf der Fläche zwischen den Dörfern Großgörschen, Kleingörschen, Kaja und Rahna stattfand. Der Verein „Scharnhorstkomitee Großgörschen e. V.“ veranstaltet jedes Jahr am ersten Wochenende im Mai das Scharnhorstfest. Dabei wird am authentischen Ort und in authentischen Kostümen die kriegerische Auseinandersetzung nachgestellt. Darum herum wird ein ganzes Volksfest organisiert, mit themenbezogenen Vorträgen und einer Dauerausstellung, sowie Zuckerwatte und Losbuden, während man dabei zusieht, wie Menschen so tun, als würden sie andere Menschen töten. Brot und Spiele, ein Klassiker der Menschheitsgeschichte. Aber ist diese Form der Erinnerungskultur nun grundsätzlich verkehrt? Wird hier der Krieg verherrlicht, bagatellisiert oder mit nationalistischem Schwachsinn aufgeladen? Diese Vorwürfe müssen sich Mitglieder solcher historischer Darstellungsgruppen des Öfteren gefallen lassen. Mögen die Vorwürfe bei dem ein oder anderen Kostümträger auf fruchtbaren Boden fallen, so ist es den Gruppen aber im Allgemeinen wichtig, dass ein historisches Ereignis so authentisch wie möglich wiedergegeben werden soll. Für die Darstellung einer Kriegsschlacht bedeutet das, dass es schmutzig wird und laut und zuweilen brutal unästhetisch. Denn der Krieg kennt keinen schönen hollywoodreifen Tod. Man wird getroffen, erstickt an seinem Blut und dann war es das.

Aus dem hohen Elfenbeinturm der ersten – größtenteils friedlichen – Welt lässt es sich natürlich am besten über andere Menschenleben urteilen. Die Zeitzeugen, die sich noch an ein kriegsverheertes Europa erinnern, sterben aus und ihre direkten Nachfahren scheinen nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt zu haben. Weder aus der älteren noch aus der jüngeren. Da werden Denkmale als Schande bezeichnet, während man auf der Suche nach der tausendjährigen deutschen Erfolgsgeschichte ist, nur um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, warum ein singuläres Ereignis immer noch solch eine gesellschaftliche Relevanz hat. Die geschichtliche Aufarbeitung durch die nachfolgenden Generationen sollte sich dabei nicht um die Schuld drehen, sondern um die Verantwortung, dass gewisse historische Ereignisse für immer singulär bleiben.
Die Erinnerung an die Vergangenheit, vor allem im öffentlichen Raum, sollte das Ziel haben die Menschen aus ihrem täglichen Rhythmus zu bringen, sie innehalten zu lassen, sie zu stören und vielleicht ein bisschen Schmerz zu verursachen. Denn nur dann kann die Reflexion beginnen. Dabei ist es gar nicht so wichtig, worüber man nachsinnt, ob über die eigene Geschichte oder die eines völlig fremden Menschen, der vor vielen Jahrhunderten lebte. Denn es gibt sie nicht, die wichtigen und die unwichtigen historischen Episoden. Alles ist mit allem verbunden und deshalb auch relevant. Oder um es kurz zu machen: Es gibt in der Menschheitsgeschichte keine Vogelschisse!

Was gibt es da zu sehen?

Das Dorfmuseum

In dem sanierten ehemaligen Rittergutshaus befindet sich das Dorfmuseum. Das Herzstück der Ausstellung ist das Diorama, welches die Schlacht bei Großgörschen am 2. Mai 1813 zeigt. Die Herrichtung der 6.000 Zinnfiguren und der Bau der Kulisse dauerten sechs Jahre. Das Museum wird vom Scharnhorstkomitee Großgörschen e. V. betreut. In den weiteren Räumen wird die Vereinstätigkeit dargestellt, sowie die Geschichte des Ortes bzw. der Region.





Das Scharnhorstdenkmal

Gerhard von Scharnhorst war Chef des Generalstabes des preußischen Heeres und reformierte zusammen mit Gneisenau und Clausewitz das Militär. Er wurde in der Schlacht von Großgörschen am Knie verwundet und starb wenige Wochen danach an Wundbrand. Das Denkmal wurde zur Hundertjahrfeier von Paul Juckoff geschaffen. Hinter dem Denkmal erinnert eine in den Boden eingelassene Steintafel an die sterblichen Überreste, die 1972 bei Bauarbeiten gefunden wurden.






Das Denkmal für die gefallenen Preußen 1813

Dieses Denkmal wird auch Schinkel-Pyramide genannt, da es auf Befehl des Königs Friedrich Wilhelm III. von Karl Friedrich Schinkel entworfen wurde. Das etwa sechs Meter hohe Tabernakel stand ursprünglich auf dem Monarchenhügel. Nach einer Restaurierung in den 1980erJahren wurde es aber in der Nähe des Scharnhorstdenkmals aufgestellt.



Das Denkmal für den Prinzen von Hessen-Homburg

Auch dieses Denkmal wurde von Schinkel entworfen. Es wurde an der Stelle errichtet an der Leopold von Hessen-Homburg tödlich verwundet wurde und kurz darauf starb. Das Denkmal wurde 1815 (oder auch erst 1817, offenbar weiß das keiner mehr so richtig) auf Betreiben von Marianne von Preußen, der Schwester Leopolds, aufgestellt. 1974 musste es auf Grund von akuter Baufälligkeit entfernt werden. Im Jahr 1999 wurde eine originalgetreue Kopie aufgestellt.




Das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges



Der Monarchenhügel

Dort wo einst die der preußische König Friedrich Wilhelm III. und der russische Zar Alexander I. standen und das Schlachtgeschehen verfolgten, steht heute der Sockel, des Denkmals für die gefallenen Preußen. Um den Monarchenhügel ist nichts außer Feld und Wiese.
Etwas unterhalb der Erhebung ist der sogenannte Huldigungsstein, den die Bewohner von Großgörschen 1815 für ihren neuen König aufstellten. Denn als Ergebnis des Wiener Kongresses gehörte diese Region als Teil der Provinz Sachsen nun zu Preußen.


Der Blick von oben



Die Kirche

Der 17 Meter hohe Turm des Gebäudes wurde 1150 als Wehrturm gebaut und hatte in seiner ursprünglichen Form weder Fenster noch Türen, sondern nur eine Einstiegsluke. Das Kirchenschiff wurde zwischen 1400 und 1500 gebaut.






... und selbst, wenn man alle Denkmäler ignoriert, die in diesem kleinen Ort zu finden sind, kann man sich doch nicht der Historizität entziehen.