Freitag, 10. März 2017

Hassliebe Heimatkaff

Ach ja, da ist es wieder. Dieses komische Wort „Heimat“. Man kann sich daran abarbeiten und findet doch keine allgemeingültige Definition. Ich habe nicht mal eine Definition nur für mich gefunden. Ist es ein geographischer Ort? In diesem Falle wäre Heimat für mich der Ort in dem ich 19 Jahre meines Lebens verbracht habe: Königsbrück. Nordöstlich von Dresden, irgendwo in der Heide, knapp 4.500 Einwohner, mitten im Tal der Ahnungslosen, wie der Ex-DDR-Bürger sagen würde.
Nachdem ich zum Studium nach Leipzig gezogen und gefragt wurde, ob ich denn wiederkommen würde, sagte ich noch: „Ja, auf jeden Fall.“ Immer wenn ich zu Besuch nach Königsbrück kam, freute ich mich, dass sich nichts verändert hat. Inzwischen ist sowohl die Antwort auf die obige Frage eine andere, als auch sich das Gefühl der Freude nicht mehr ganz so euphorisch einstellt, wenn ich sehe, dass sich nichts verändert hat. Vor ca. zwei Jahren erzeugte dann die Frage, ob ich denn zurückkomme, bei mir leichten Brechreiz im Angesicht der fremdenfeindlichen Angriffe in Sachsen. Ich habe mich dann oft zu Antworten hinreißen lassen wie: „Ne danke, da bleib ich lieber in Leipzig und riskier `nen Kopfschuss auf der Eisenbahnstraße.“, bis hin zu Aussagen, dass ich auf die Anwesenheit dieses Ortes auf der Landkarte verzichten könnte. Rückblickend betrachtet war das eine emotionale Überreaktion für die ich auch, wahrscheinlich zu Recht, gescholten wurde und die mir einerseits Leid tut, andererseits aber auch nicht. So ist das eben mit emotionalen Überreaktionen. Sie sind selten rational. Für jemanden wie mich, der Zeit seines Lebens mit Rassismus in einer Gegend konfrontiert wurde, die angeblich seine Heimat ist und in der er sich gefälligst wohlzufühlen hat, ist es ziemlich schwer die Objektivität zu bewahren. Aber jetzt bloß nicht zu viel Mitleid aufbringen. Bei mir war’s ja nicht so schlimm. (Sage ich zumindest immer.) Ich habe es inzwischen als positiven Rassismus deklariert, immer wieder mit Fragen konfrontiert zu werden, wie „Bist du richtig Deutsch?“, „Aus welchem Land kommen deine Eltern?“, „Wieso bist du so dunkel?“, „Kamen deine Vorfahren vielleicht aus (hier beliebiges Land einsetzen, dessen Einwohnern ich nach eingehendem racial profiling angeblich ähnlich sehe)?“
Egal was ich antwortete, der Fragensteller sah immer unzufrieden aus. Nach eingehender Untersuchung meines Stammbaums stieß ich nur auf – Achtung, Ironie – die Arierausweise meiner Vorfahren.
Und was jetzt?
Tja, ich komme eben aus Sachsen und bin braun. Aber nur von außen. Ich sehe nach Migrationshintergrund aus, habe aber keinen. Ich bin quasi ein umgekehrter Shahak Shapira. Falls es einen Gott gibt, hat er mich erfolgreich getrollt. Aber ich muss damit leben. Und ich muss auch damit leben, dass meine Heimat nun mal ein sächsisches Provinznest ist, das mir manchmal auf die Nerven geht, dass mich aber auch zu der Person hat werden lassen, die ich heute bin. Außerdem wohnt hier auch noch meine Familie, die mir auch manchmal auf die Nerven geht, mich aber eben zu der Person hat werden lassen, die ich heute bin.
Der Begriff „Heimat“ ist für mich sowohl abstrakt, als auch geographisch. Sowohl die 500 qm meines persönlichen Paradies', als auch mein geliebtes Leipzig, indem ich meine besten Jahre verschwendet habe, sind meine Heimat. Und wenn es mein Schicksal ist, wieder aufs Land ziehen zu müssen, dann werde ich auch das verkraften und wahrscheinlich sogar gut finden. Auf Grund der ganzen mehr oder weniger schlimmen Identifikationsprobleme, die ich mit den Begriffen „Heimat“ und „sächsisches (oder sonstiges) Hinterland“ hatte, habe ich versucht mich zumindest wieder räumlich an die Begriffe anzunähern und bin einfach hingefahren.
Dieser Blog soll nun dokumentieren, wo ich mich überall rumtreibe und nebenbei vielleicht noch ein paar halbwegs sinnstiftende Fragen zu beantworten:
Werde ich auf ewig mit meinem Heimatkaff verbunden bleiben?
Lohnt es sich kulturell überhaupt in irgendwelche Provinznester zu fahren?
Wird man dort von Rechten verhauen?
Die vorläufigen Antworten sind:
Wahrscheinlich schon.
Ja.
Nicht auszuschließen.

Nachdem ich nun schon so viel über die Beziehung zu meinem Heimatort geschrieben habe, muss er nun natürlich der erste sein, dem ich einen Beitrag widme.

Königsbrück

Einwohnerzahl: 4429 (ohne Ortsteile 3799)

Geburtstag: 1248 (urkundliche Ersterwähnung)

Bekannt für: das Flugmedizinische Institut, den letzten sorbischen Ortsnamen vor Dresden, die ältesten Kamelien nördlich der Alpen, viel frische Luft


Postkarte, gelaufen am 06. März 1917

Was gibt’s da zu sehen? 

Der Truppenübungsplatz/ NSG Königsbrücker Heide

Historischer Abriss
1893               Königsbrück wurde zur Garnisonsstadt ernannt und bekam den Schießplatz Glauschnitz und das sog. Alte Lager.
1900-1913      Der bisherige Platz wurde zu klein und es wurde ein neuer gebaut, das sog. Neue Lager. Die drei Dörfer Otterschütz, Quosdorf und Zietsch mussten geräumt und die bisherigen Bewohner umgesiedelt werden.
1936/1937      In Vorbereitung auf einen neuen Krieg reichte der Platz schon wieder nicht und es mussten weitere angrenzende Dörfer geräumt werden: Bohra, Krakau, Naundorf, Rohna, Sella, Steinborn, Zochau. Naundorf wurde nach dem Krieg wiederbesiedelt.
1945-1992      Durch die sowjetische Armee wurde der TÜP auch nach dem 2. WK benutzt. Um diese Zeit der Besatzung ranken sich Mythen und Legenden und jeder Königsbrücker kann mindestens eine Geschichte dazu erzählen.

An diesem Punkt wünschte ich, ich hätte mit dem Blog schon fünf Jahre eher angefangen, denn viele der Gebäude des ehemaligen Truppenübungsplatzes sind abgerissen worden. Eines der wenigen Gebäude, welches noch steht, ist das Offizierskasino, dass zurzeit auch saniert/renoviert wird. Ab und an ist es der Öffentlichkeit zugänglich und man kann sich ansehen was schon so alles gemacht wurde. Es gibt einen Verein, der sich in russische Uniformen zwängt und bei verschiedenen Veranstaltungen irgendwelche längst vergangenen Zeiten auf dem Gelände wiederauferstehen lässt. Kann man gut finden. Muss man aber nicht. Als jemand, der Geschichte studiert hat, habe ich einfach Verständnisprobleme bei Militarismus und jedweder Glorifizierung.
Aber einen Spaziergang über das Gelände kann man sich immer gönnen. Man darf nicht überall alleine hin, da es ein Naturschutzgebiet ist. Den noch stehenden Gebäuden darf man sich auch nicht immer nähern. Es gibt geführte Touren über den Platz, bei denen man viel über die Flora, die Fauna und die Munitionsbelastung lernt. Wenn man Glück hat sieht man vielleicht einen Wolf. (Brandenburg ist eben nicht weit.)


Postkarte, gelaufen am 14. Juni 1916

oben: Postkarte, gelaufen am 19. Februar 1949
unten: Foto aufgenommen am 19. August 2010, Gebäude inzwischen abgerissen


sowjetisches Wandgemälde am Offizierscasino

Die Via Regia

Spätestens seit Hape Kerkeling ist die Via Regia (oder auch Hohe Straße) auch unter den Mainstream-Pilgern bekannt. Weniger bekannt scheint aber zu sein, dass der Pilgerweg nicht erst in Spanien oder Frankreich beginnt. Der Königsweg führt auch durch Königsbrück. Die gelbe Muschel findet man an verschiedenen Schildern in der ganzen Stadt. Wer sich eine Pause vom Wandern gönnen will, kann im Armenhaus in Stenz (Stadtteil von Kö) übernachten. Und für den kulinarischen Pilgerer gibt’s beim Bäcker Muschelkekse. (Das sind Mürbeteigplätzchen. Da sind keine echten Muscheln drin. Wo sollen denn auf dem Dorf echte Muscheln herkommen?)

Nachbildung der Via Regia-Säule


Das Schloss

Historischer Abriss

1704                Errichtung des heutigen Hauptgebäudes und der Wirtschaftsgebäude mit der Gärtnerei
1803-1856      Das Schloss kam in den Besitz der Grafen von Hohenthal. Die Pilasterbemalung an der Schauseite entstand.
1856-1893      Der neue Eigentümer Graf von Wilding wirtschaftete die Anlage ziemlich runter.
1893-1920      Die Familie Naumann kaufte das Schloss und zog nach diversen Renovierungsarbeiten 1917 ein. Die Familie musste Königsbrück 1945 verlassen.
1945-1990      Das Schloss wurde sowjetisches Lazarett, später Erholungsheim und Außenstelle des Bezirkskrankenhauses Arnsdorf. Der Schlossturm wurde abgerissen.
1997-1998      Zur 750-Jahrfeier des Ortes wurde der Schlossturm wieder errichtet.
Ab 2000          Die fast im Gewächshaus vergessenen Kamelien wurden wieder öffentlich zugänglich.

Wem gehört es? Warum lässt man das verfallen? Was soll man damit machen? Hat es wieder irgendein „pöser, reicher Wessi“ gekauft, der damit im Bekanntenkreis angeben will?
Das Schloss Königsbrück ist wie viele andere Schlösser in der ländlichen Umgebung ewiges Diskussionsthema. Der Stand der Dinge ist, dass es sich in Privatbesitz befindet. Oder doch nicht? Ich kann nur jedem empfehlen, der mal Schlossherr sein möchte, nicht nur Geld zu haben, sondern auch einen Plan wie er es in so ein Gebäude investiert. Aber ich habe gut reden, weil ich gar nicht so viel Geld habe. Sei’s drum. Das Schloss steht leer und vermodert. Drinnen ist nicht mehr viel los. Keine wertvollen Kunstschätze oder geschmückten Räume. Durch die Nutzung als Pflegeheim und den jahrelangen Leerstand sind die Räumlichkeiten schon ziemlich heruntergekommen. Und wenn es irgendwann mal abgerissen werden sollte, wird wieder rumgeheult und hinterher-besser-gewusst.
Einziger Lichtblick ist die Orangerie, in der man jedes Jahr zwischen Januar und März die Blüte der ältesten Kamelien (ca. 180 Jahre) in Nordeuropa bestaunen kann. (In diversen anderen Ortschaften Sachsens soll es auch noch andere Kamelien in anderen Schlössern geben, aber davon weiß ich nichts.)

oben: 1966
unten: 2013 

 Der Schlossturm

die klassizistische Front nochmal aus der Nähe

Das Rathaus und der Marktplatz

Im Jahr 1331 wurde Königsbrück erstmals als Stadt bezeichnet. Zu einer Stadt gehören immer auch ein Markt ein Rathaus. Die Häuser um den Markt und das Rathaus selbst brannten in unregelmäßigen Abständen immer wieder ab. Das lag vermutlich daran, dass die meisten Gebäude aus Holz errichtet wurden und ziemlich eng beieinander standen. Ich verzichte mal darauf, hier jetzt alle Stadtbrände aufzuzählen (außer es wird der ausdrückliche Wunsch dahingehend geäußert). Das heute noch in Stein stehende Rathaus wurde zwischen 1847 und 1852 - wie sollte es anders sein - nach einem Stadtbrand gebaut. Im Jahr 1887 baute man noch einen Saal an. In den Jahren 1995 bis 1997 wurde das Rathaus saniert.

2017                                                                                                1966

Aus welchem Jahr die oben abgebildete Postkarte stammt, weiß ich leider nicht genau, aber wenn man historisch einigermaßen bewandert ist, kann man die mögliche Zeitspanne aus der daraufgedruckten Beschreibung entnehmen. Bevor der Markt in Karl-Marx-Platz umbenannt wurde, hieß er Adolf-Hitler-Platz.
Das untere Foto ist aus dem Jahr 2017.
Oben: 1966
Unten: 2017

Das Stadtwappen von Königsbrück, oben 2017, unten 1964. Ich finde die ältere Ausführung tatsächlich ein bisschen hübscher.

2017                                                                                                       1964
Den Mittelpunkt des Marktplatzes markiert der Brunnen. Also der war früher definitiv hübscher. Und es  ist auch hübsch anzusehen, dass noch kaum bis keine Fahrzeuge herumstanden. #goodoldtimes
Die Gebäude am Markt

Oben: 1964
Unten: 2017
Die Löwenapotheke.
Das Gebäude stammt wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert.


Das Ehrenmal

Das Ehrenmal auf dem Scheibischen Berg entstand 1925 zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg. Inzwischen finden sich dort hauptsächlich Plastiken und Reliefs des Bildhauers Curt Tausch (1899-1969), die die Gräuel des Zweiten Weltkriegs dokumentieren. Als Kind habe ich mich immer ein bisschen davor gefürchtet, da seine Werke ziemlich realistisch wirken.
Abgesehen von den Kunstdenkmälern hat man einen herrlichen Blick über die Stadt, bevorzugt bei sonnigem Wetter. (Das erste Foto in diesem Blog ist von da oben gemacht worden.)









Die Hauptkirche

Schon ihm Jahr 1346 wird eine Kirche in Königsbrück erwähnt. Diese wurde 1431 von den Hussiten niedergebrannt. Auch der darauffolgende Kirchenneubau brannte nach ca. 200 Jahren 1631 ab. Der dritte Neubau begann 1641. Aufgrund von Baufälligkeit wurde sie knapp 20 Jahre später wieder abgerissen.

Die ev.-luth. Hauptkirche wurde ab 1682 gebaut und 1689 geweiht. Sie ist, solange ich denken kann, in einem wunderschönen dottergelb gehalten. Die, wie ich finde, beste Farbe in der man Kirchen anstreichen kann. Aber das war nicht immer so, wie die Fotorecherche beweist. Zum Glück ist das grau in grau der Kirche und auch der Stadt im Allgemeinen inzwischen gewichen.
Auf dem Gelände findet sich außerdem noch das Mausoleum der Familie Naumann, sowie eine Luthereiche, die dort seit 1883 wächst und gedeiht. Innen ist die Kirche eher schlicht gehalten, wie bei evangelischen Kirchen üblich.


1964                                                                                                            2013

Die bauliche Vollendung des Kirchturms erfolgte in den Jahren 1717 bis 1719.


Im untersten Teil des Altars- der Predella - ist das Abendmahl dargestellt, flankiert von zwei Engelsköpfen und zwei Statuetten, die die Apostel Matthäus und Markus darstellen. In der Mitte des darüberliegenden Altargeschosses befindet sich ein Gemälde der Kreuzigung Christi. Links und rechts davon sind kleinere Darstellungen eingefügt, die Christus in Gehshemane bzw. die Kreuzabnahme Christi zeigen. Im zweiten Geschoss zeigt das Gemälde in der Mitte die Himmelfahrt Christi. Seitlich davon sind wieder zwei Apostelstatuetten, Johannes und Matthäus.





Die Hospitalkirche

Sie wurde in den Jahren 1578 und 1579 als Begräbniskirche gebaut und befindet sich in unmittelbarer Nähe des Friedhofs. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie immer wieder erweitert, zuletzt im Jahr 1889. Die letzte Sanierung erfolgte in den Jahren 1992 bis 1993.

2017                                                                                        1966


Über die Stadt verstreute Bau- und Kunstdenkmäler

Wie in vielen kleinen Orten üblich stehen überall irgendwelche Denkmäler, Säulen und Skulpturen herum. Maßgeblich war hier der, in Königsbrück geborene, Künstler Curt Tausch, der schon das Ehrenmal gestaltete. Hier erfolgt nun eine kleine, bestimmt nicht vollständige, Aufzählung.

Fassadentierchen: Ich liebe Fassadentierchen. Deshalb gibt es – hoffentlich – bei jedem Blogbeitrag welche zu sehen. In Königsbrück gibt es zu meinem Glück viele davon. Meistens über (ehemaligen) Gaststätten.



Die Frauenskulptur am Ferkelmarkt nach einem Modell von C. Tausch



Der Kursächsische Viertelmeilenstein der Post



Relief an der Arthur-Kießling-Mittelschule von C. Tausch



Die Schülerskulptur „Pionier“ von C. Tausch



Das Relief, das an der Friedhofsmauer lehnt. Es war wohl mal Teil eines Grabes. Möglicherweise ist es die Darstellung der Schicksalsgöttinnen (Moiren/Parzen). Aber wer weiß.



Das Apothekerlusthaus. Es wurde Mitte des 18. Jahrhunderts vom Apotheker J. A. Lewecke als Gartenhaus eingerichtet. Es hat einen sechseckigen Grundriss und ist bestimmt schwer einzurichten. Aber immerhin besser als ein runder Grundriss.




Das Wappenrelief anlässlich 750-Jahrfeier, geschaffen von der Töpferei Frommhold.



König-Albert-Denkmal vor der Hauptkirche zur Erinnerung an die gefallenen der Feldzüge 1866 und 1870/71

links: ca. 1966
rechts: 2013
Literatur über Königsbrück

Der Museologe und Naturschützer Heinz Kubasch schrieb in seinem "Heimatbuch. Kreis Kamenz" u. a. folgendes über seinen Geburtsort Königsbrück:
"Dort, wo die 'Hohe Straße' den Grenzfluß zwischen dem Gau Milsca und der Mark Meißen, die Pulsnitz, durchquerte, schützte frühzeitig eine Straßenburg die wichtigste Furt. Diese Wehranlage befand sich auf der von der Pulsnitz umflossenen felsigen Grauwackenhöhe über dem Tale. (...) In Anlehnung an das Schloß und nur durch eine flache Senke von ihm getrennt, entstand als planmäßige Neuanlage das Städtchen Königsbrück. Noch heute läßt der Stadtkern das Schema ostdeutscher Städtegründungen erkennen. Königsbrück war ein bedeutender Etappenort sowohl der 'Hohen Straße' als auch des sich hier kreuzenden sogenannten Frankfurter Gleises, das von Franken und dem Vogtland her nach nach Frankfurt/Ode führte. (...) Die Schönheit des Städtchens beruht in seiner landschaftlichen Lage. Mitten in der Stadt und an den Randgebieten stehen viele Bäume und Alleen. Unter ihnen sind Linden, Ahorne und Ulmen am zahlreichsten vertreten. Die Hänge der Anhöhen um die Stadt tragen Laubmischwälder oder sind in südgeneigten Lagen gärtnerisch genutzt. Auf letzteren wurde früher auch viel Wein gezogen. Der zentral gelegene Stadtpark bietet den werktätigen Menschen Entspannung und Erholung. Leider hat das erst in den letzten Jahren angelegte Schwimmbad durch falsche Standortwahl den Eindruck und Zustand des Parkes vermindert. (...) Die kleine Stadt Königsbrück und ihre Umgebung gehört zu den Gegenden, die nur wenige zu schätzen wissen. Sie denken an Sand und eintönige Kiefernheiden und erkennen nicht in der abwechslungsreichen und verschmelzenden Gliederung sowie den vielen urtümlichen Resten, den besonderen Reiz dieser Landschaft." (Kubasch, Heinz, Heimatbuch. Kreis Kamenz, Kamenz 1954, S. 37-39)

Über den Alltag der Soldaten auf dem Truppenübungsplatz schrieb u. a. Ludwig Renn in seinem Roman "Adel im Untergang", den er 1944 im mexikanischen Exil verfasste. Renn hieß eigentlich Arnold Friedrich Vieth von Golßenau und gehörte dem sächsischen Adel an. Seine militärische Laufbahn begann er 1910. Er gehörte zum 1. Königlich-Sächsischen Leib-Grenadierregiment Nr. 100 und kämpfte später im Ersten Weltkrieg. 
Über seine Zeit in Königsbrück schrieb Renn: "Am folgenden Tage marschierte das ganze Regiment von Dresden fort. Es war ein Reisemarsch, auf dem abwechselnd die Querpfeifer zu den schlagenden Trommeln der Spielmannszüge quietschten und dann die Regimentskapelle mit ihren Blechinstrumenten und der großen tiefen Pauke mit Märschen einsetzte. Es ging zum Regiments- und Brigadeexerzieren nach dem Truppenübungsplatz Königsbrück. Der Sommer war sehr heiß, und gleich an einem der ersten Tage brach gegen Mittag ein schweres Gewitter aus. Eins der Bataillone marschierte über einen leicht bewaldeten Hügel, als ein Blitz in die Kolonne fuhr und mehrere Soldaten tötete. Zwei Tage später schlug der Blitz an derselben Stelle in eine andere Kompanie. Die Toten wurden ins Lager getragen, und das Regiment konnte sich nur langsam von der Verstörung erholen. Ich war ans Sitzen im Hörsaal der Kriegsschule gewöhnt und hatte das Marschieren verlernt. Auf einem besonders weiten Marsche kamen wir bei sengender Glut in die Nähe des Lagers zurück. Ich ging mit dem Inka Schimpff am Ende der Kompanie in der Staubwolke, die nicht der leiseste Wind bewegte. Das gehen wurde mir immer schwerer. Aber ich zwang mich, durchzuhalten. Schließlich waren wir an der Baracke angekommen, in der die Kompanie lag, und Schimpff ließ wegtreten. Ich schleppte mich noch bis zur Leutnantsbaracke, in der ich eine Stube hatte, schloß auf, legte mich, so wie ich war, aufs Bett. Da faßte mich eine Angst. Ich griff mir nach der Brust. Das Herz schlug unregelmäßig und setzte plötzlich aus. Dann aber begann es wieder. Nach nur fünf Minuten bekam ich einen starken Hunger, wusch mich etwas, zog mir eine saubere Litewka an und ging zum Kasino. Nach dem kurzen Anfall fühlte ich mich sehr wphl und konnte schon wieder flott gehen.
Nach einem kräftigen Frühstück schlief alle Welt, und am Nachmittag ging man wieder ins Kasino, um auf der Terrasse Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Es gab Offiziere, die nach den anstrengenden Märschen und Gefechten des Morgens nachmittags schon wieder spazierengingen, und zwar nach dem Hotel 'Zum schwarzen Adler' in dem Städtchen Königsbrück, das etliche Kilometer entfernt war. Dort traf man diesselben Offiziere wie im Lager. (...) Was aber sollte man an den Abenden machen? Der Kasinowirt war auf den Gedanken gekommen, im Keller eine Bar einzurichten. Dahin ging ich mit Lix Anderten, und wir setzten uns an einen Tisch und bestellten einen Knobelbecher, um Schnäpse auszuknobeln. Lix war sonst eher geizig, und ich verstand nicht recht, warum er heute etwas ausgeben wollte. An andern Tischen saßen Offiziere unsres Regiments und des Großenhainer Husarenregiments, das auch zu Übungen auf den Truppenübungsplatz gekommen war. (...) Wenige Tage später ging der Hauptmann von Hingst spätabends in die flache Hauptmannsbaracke. Zu beiden Seiten des Ganges lagen die Stuben, die alle gleich waren. Man konnte ihre Einrichtung auf einem Inventarverzeichnis nachprüfen, das überall rechts über dem weißgestrichenen Waschtisch an der Wand hing. Da stand:
                                              1 Bett von Eisen für Hauptleute
                                              1 Stuhl
                                              1 Waschtisch für Offiziere
                                              1 Waschschüssel dito
                                              1 kleiner eiserner Ofen dito
                                              1 Bettuch von Leinen
So ging das weiter, bis zum Schluß das Inventarverzeichnis selbst aufgezählt war. (...) Nach dem Aufenthalt im Barackenlager Königsbrück marschierten wir ins Manöver und kamen dann mit braungebrannten Gesichtern nach Dresden zurück." (Renn, Ludwig, Adel im Untergang, Berlin/Weimar 1973³, S. 93-105)

1 Kommentar:

  1. Cooler Beitrag der mit seinem interessanten intellektuell-spöttischem Schreibstil von mir geradezu verschlungen wurde. Es spiegelt das Bild, dass auch ich von meiner "Heimat" habe und ich habe sogar noch ein paar wissenswerte Fakten dazu gelernt.

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