Dienstag, 25. April 2017

Zittau

Einwohner: 27.712
Geburtstag: 1238 (schriftliche Ersterwähnung; im 10. Jahrhundert gab es dort schon einen slawischen Weiler, der aber nicht genügend Besorgtbürger aufwies, um eine Germanisierung des Slawenlandes aufzuhalten; so schnell kann’s gehen)
Bekannt für: Lage im Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien a. k. a. letzte Ecke von Sachsen; Fastentücher; ein eigenes Gebirge mit einem schönen Berg

Der Handel prägte über Jahrhunderte das Leben in und um Zittau. Zoll- und Kaufmarken mit dem Zittauer "Z" standen für zertifizierte Zuverlässigkeit.

Zu Anfang dieses Beitrags möchte ich mich bei der Stadt Zittau dafür entschuldigen, dass ich es für ein kleines langweiliges Nest gehalten habe. So langweilig war es bei meinem zweiten Besuch gar nicht. Den ersten vergesse ich einfach. Er war sowieso eher eine Verkettung unglücklicher Umstände bestehend aus Regenwetter, einem Google-Maps-losen Mobiltelefon (für partiell orientierungslose Menschen, wie mich ist das die Hölle; wie habe ich bloß immer nach Hause gefunden) und allgemeiner Übellaunigkeit meinerseits.
Beim zweiten Mal war ich besser vorbereitet und wollte mir die Zittauer Fastentücher ansehen. Aber so richtig recherchiert hatte ich nichts, außer den Öffnungszeiten der Städtischen Museen Zittau. Und wegen dieser fehlenden Recherche hatte ich gedacht, die Fastentücher seien sowas wie ein Schweißtuch von Jesus. Ich hatte mich vorher schon darüber lustig gemacht, warum ich mir ein Stofftuch ansehen soll, in das Jesus möglicherweise vor 2000 Jahren reingeniest hat. An dieser Stelle nochmals ein dickes Sorry an Zittau. Ich nehme hiermit alle dummen Witze zurück und entschuldige mich für meine Bildungslücke.
Aber genau dafür sind Museen ja da, um kulturelle Bildungslücken zu füllen. Zittau besitzt nicht nur ein Fastentuch, sondern gleich zwei. Das Kleine Zittauer Fastentuch ist im Kulturhistorischen Museum Franziskanerkloster zu besichtigen.

wissenswertes Wissenswertes über das Kleine Zittauer Fastentuch
- monumentale Kreuzigungsszene, umrahmt von mehr als 40 Symbolen der Passion, sog. Arma              Christi
- 1573 von einem unbekannten Maler nach der Vorlage des Lütticher Künstlers Lambert Lombard         geschaffen
- einziges Fastentuch, dass von einer evangelischen Gemeinde in Auftrag gegeben wurde
- bis 1684 verhüllte es den Hochaltar in der Johanniskirche während der vorösterlichen Fastenzeit
- 1854 bis 1968 wurde es im Stadtmuseum ausgestellt
- 4,3 m x 3,4 m (15 m²)
- 1 von 7 Exemplaren des Arma-Christi-Typs weltweit

Das Kulturhistorische Museum Franziskanerkloster

   Nur ein Ausschnitt aus dem Kleinen Fastentuch

Das Museum im ehemaligen Franziskanerkloster hat aber nicht nur eins der Fastentücher zu bieten, sondern auf zwei Etagen noch die Geschichte Zittaus bzw. der Oberlausitz. Die Räumlichkeiten sind hell, aber abgedunkelt, um die ausgestellten Kunstwerke zu schützen. Das indirekte Licht lässt den Besucher aber alles erkennen. Die Infostelen sind in Erinnerung an das einst florierende Tuchmachergewerbe auf Textil gedruckt. Inhaltlich ist das Kulturhistorische Museum geordnet wie jedes Regionalmuseum: ein bisschen chronologisch, ein bisschen thematisch. Im ehemaligen Dormitorium, dem Schlaftrakt der Mönche, werden pro Raum Themen behandelt, wie zum Beispiel das Bürgertum, das Schulwesen, Handwerk und Zünfte. Teilweise waren mir die Räume ein bisschen zu voll gestellt, obwohl man dadurch erahnt, wieviel Platz so ein Mönch in seinem Zimmer hatte. Nämlich gar keinen. Und die Biedermeiermöbel muten in so einem engen niedrigen Raum schon etwas skurril an. Die Sammlung der Epitaphien und Heiligenfiguren im Kapitelsaal und der Sakristei ist sehr schön. Die Epitaphien, aus dem 17. Jahrhundert stammend, sind zum großen Teil in sehr gutem Zustand. Das habe ich in diesem Umfang auch noch nicht gesehen. Die Sonderausstellung konnte ich mir leider aus Zeitgründen nicht mehr ansehen, da ich vor der Schließung noch zum Großen Fastentuch flitzen musste (und zulange im sonnigen Klosterhof herumsaß). Ach, den Keller hätte ich fast vergessen. Dieser hatte einen sehr authentischen Geruch. Man findet einen Brunnen und diverse Folterinstrumente. Da ich mich in diesem Bereich nicht so gut auskenne, möchte ich keine Einschätzung über deren Zustand und Benutzbarkeit abgeben.

Ursula Sax (*1935)
Kruzifix, 2006
Packpapier



 Unter Hauben, über Schwellen

 Der Zittauer Jungbrunnen
Jede Zeit hat ihre Wunschbilder. Ein solches aus der Spätgotik zeigt dieser einstmals einzig beheizbare Raum im Obergeschoss des Klosters: Ein steinerner Brunnen ist das Ziel aller Kranken und Alten - vom König über die Nonnen bis zum Ziegenhirt. Die Vision vom Jungbrunnen gehörte zu den beliebtesten Themen des Mittelalters. Die Zittauer Darstellung ist nördlich der Alpen einzigartig. Wahrscheinlich wurde sie für den Aufenthalt hoher Gäste gemalt.

In Salon und guter Stube


Blick auf den Klosterhof

 Seit 1675 dient der Klosterhof als bürgerlicher Gottesacker, wo zahlreiche Kaufmanns- und Ratsfamilien ihre letzte Ruhe fanden.

 In einzigartiger Weise reihen sich prächtige Grufthäuser aneiander.


 Daniel Martin (?) (1700-1776 Klosterfreiheit/Ostritz)
Taufgestell mit Darstellungen der vier Evangelisten
um 1700
aus der Kirche Friedersorf bei Hirschfeld (nicht mehr bestehend)
Holz, polychrome Fassung



 Vesperbild/Pietà
Oberlausitz, um 1450
Laubholz, geschnitzt, teilweise mit Leinwand beklebt, Reste der farbigen Originalfassung
aus der Kirche Kleinschönau/Sieniawka

Ein Raum des Kellergewölbes

So, nun zum Großen Zittauer Fastentuch. Dieses kann man sich im Museum Kirche zum Heiligen Kreuz ansehen. Wer sich kulturell mal so richtig gönnen will, holt sich das Kombiticket für die Städtischen Museen Zittau (das kostet 8 Euro und ist somit billiger als jedes Kinoticket; außer man geht in den Regina Palast Leipzig zum Filme gucken, dann gleicht sich das ungefähr wieder aus, aber ich schweife ab).

wissenswertes Wissenswertes über das Große Zittauer Fastentuch
90 Szenen des Alten und Neuen Testaments
1472 von einem unbekannten Meister geschaffen
1472 bis 1672 verhüllte es den Altarraum der Johanniskirche während der Fastenzeit
ab 1672 im Franziskanerkloster aufbewahrt
- 1840 wurde es wiederentdeckt und als Leihgabe im Palais des Großen Gartens in Dresden                     ausgestellt
1873 wieder nach Zittau zurückgeholt
1933 letztmalige Ausstellung
im Juni 1945 wurde es stark beschädigt, aber komplett erhalten geborgen
1994/95 Restaurierung
seit 1999 wird es ausgestellt in der größten Museumsvitrine der Welt
8,2 m x 6,8 m (56 m²)
1 einzigartiges Exemplar

 Der Eingang zum Museum Kirche zum Heiligen Kreuz




Meine spontane Reaktion beim Erblicken des Großen Fastentuchs war einfach nur ein überwältigtes Kieferrunterklappen. 56 m² Leinen sind ziemlich viel Stoff und große Sachen sind auf den ersten Blick eben immer beeindruckend. Auf den zweiten Blick sieht man dann die wunderschöne Kunstfertigkeit der 90 Bilderszenen.

Ein sehr schlechtes Foto von einem sehr schönen Kunstwerk

Wenn man sich schon eine Kombikarte holt, kann man sich auch noch die totale Gönnung geben und einen Audioguide ausleihen. Der ist kostenlos. Einen persönlichen Führer gibt’s auch. Der ist nicht kostenlos. Aber wenn man Glück hat, so wie ich, platzt man gerade in die Kirche, wenn eine Führung ist. Ich wurde höflich gebeten mich hinzusetzen, ruhig zu sein und zuzuhören. Diese Erläuterungen sind schon echt nicht verkehrt. Wenn man wie ich in einem postsozialistisch-atheistischen Haushalt aufgewachsen ist, hat man nur Bibel-Halbwissen. Mein Geschichtsstudium hat daran auch nicht viel geändert, weshalb ich bei religiöser Kunst meistens die Kunsthistorikerin meines Vertrauens zu Rate ziehe. Aber der nette ältere Herr hat’s in diesem Fall auch getan. Er beschrieb fast jedes Bildchen des Tuches. Zum Beispiel, dass die Erschaffung der Welt einen Tag länger als üblich dauerte, da Gott auch noch die vier Elemente schuf. Des Weiteren erzählte er noch viel zur Herstellung und zur wechselvollen Geschichte. Das Fastentuch wurde während des Zweiten Weltkriegs gestohlen und von sowjetischen Soldaten als Saunaabdichtung benutzt. Als sie abzogen, ließen sie es im Wald zurück. Ein Spaziergänger fand es zerrissen und nass und brachte es wieder in das Zittauer Museum. Aufgrund der Feuchtigkeit sind einige der 90 Bilder fast ausgewaschen und schwer zu erkennen. Bis es in den 1990er Jahren restauriert wurde, wurde das Tuch nicht ausgestellt.
Seit 1999 kann man das Tuch wieder in seiner ganzen Größe und fast vollen Pracht bewundern und die Museumsvitrine in der es sich präsentiert steht sogar im Guiness-Buch der Weltrekorde. Ich zweifle ja ein bisschen an der Aktualität dieses Rekordes. Denn das Pommersche Museum in Greifswald hat einen ziemlich großen Teppich und der wird auch in einer ziemlich großen Vitrine ausgestellt. Aber ich bin ja bloß ´ne Frau. Was weiß ich schon von Raumvolumen.
Abschließend möchte ich noch mein Highlight benennen. Neben den zwei bemalten Tüchern natürlich. Es kommt in der Gesamtpräsentation ein bisschen schlecht weg, aber ist trotzdem etwas Besonderes. Es handelt sich dabei um die Kirche zum Heiligen Kreuz in der das Große Fastentuch ausgestellt ist. Diese Kirche ist eine sogenannte Einsäulenkirche, das heißt das ganze Gebäude wird nur von einer Säule getragen. Auf diese Säule läuft man beim Betreten des Gebäudes direkt zu. Diese Kirchenart ist inzwischen sehr selten geworden. Als die Gemeinden anwuchsen und mehr Raum brauchten, hat man meistens die alte Bausubstanz abgerissen und ein größeres Gebäude, z. B. eine gotische Hallenkirche, gebaut. Die kleine, mehr als 600 Jahre alte Kirche hat auch eine ziemlich interessante Geschichte und sieht ein bisschen heruntergewirtschaftet aus, da sie während der DDR-Zeit leer stand und als Treffpunkt für Jugendliche diente, die darin Lagerfeuer anzündeten. Auch der die Kirche umgebende Friedhof ist ziemlich überwachsen und strahlt so einen wunderbaren morbiden Charme aus.

 Die Säule


Zittau hat noch viel mehr zu bieten als diese zwei Fastentücher. Noch viele Kirchen und viele schöne restaurierte Häuser und deshalb bleibt mir am Ende dieses Beitrages nur zu sagen, „Heute ist nicht alle Tage…“ (wer nicht weiß, wie dieses Zitat weitergeht, hatte keine rosarote Kindheit).

Montag, 3. April 2017

Beucha

Einwohnerzahl: 3036
Geburtstag: 1378 (die Kirche steht schon seit 1280 dort)
Bekannt für: ein braunes Hinweisschild am Autobahnrand, welches der einzige Grund war, wieso ich mich überhaupt dahin verirrt habe




„Wehrkirche Beucha“ prangt in weißen Lettern auf braunem Untergrund auf einem Schild an der A14 kurz vor Leipzig. Über das Design kann man sich streiten, aber seinen Zweck hat das Schild immerhin erfüllt. Ich wollte wissen, was es mit dieser Kirche auf sich hat. Auf Instagram stieß ich dann auf schöne Bilder einer Kirche, die malerisch oberhalb eines Sees auf einem Hang steht. Als Bewohner der Leipziger Tieflandsbucht fragte ich mich, wo den bitte so ein hoher Berg (147m ü NN) in der Umgebung sein soll. Die Antwort ergab sich automatisch beim Durchfahren des Leipziger Landes. Hier wird bzw. wurde einfach alles abgebaut, was die Natur hergibt: Kohle, Porphyr, Granit (und Granitporphyr; danke Wikipedia, dass ich deinetwegen nicht dumm sterben muss). Auch in Beucha wurde Granit abgebaut (und wohl auch Granitporphyr). Der ehemalige Steinbruch wurde 1958 stillgelegt und es wurde seitdem kein Wasser mehr abgepumpt. So, jetzt wisst ihr Bescheid. Es wurde also nichts aufeinandergeschichtet, sondern drumherum weggeschaufelt. Das ist natürlich auch eine Möglichkeit sich einen Berg zu basteln.
Ich weiß nicht, ob man in dem See auch Baden kann, aber alles in allem würde ich es nicht empfehlen vom Kirchberg aus zu springen. Obwohl auch kein Schild dran war, dass man es nicht darf. Naja, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht habe ich das Schild auch nur nicht gesehen. Falls Erfahrungsberichte beim Leser vorhanden sind, bitte ich um Mitteilung.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass es sich lohnt den touristischen Hinweistafeln auch mal zu folgen, besonders wenn man die angepriesene Sehenswürdigkeit schon von der Autobahn aus sehen kann.

 Der Wasserturm am Fuß des Kirchberges markiert den Eingang zum Friedhof und zur Kirche.
Er wurde 1913 fertiggestellt.
 Eine Eiche für Jubiläums-Martin. Freut er sich bestimmt drüber.

 Um das Jahr 1000 wurde der Berg bereits als slawische Wallanlage genutzt.

 1429 wurde die Kirche von Hussiten zerstört und danach in größerem Umfang wieder aufgebaut.

 1813 diente der Kirchberg als Aussichtspunkt während der Völkerschlacht.

 1945 wurde die Kirche durch einen Bombenabwurf beschädigt und 1949 wieder aufgebaut.


 Am gegenüberliegenden Punkt des Kirchbruchs stehen zwei Säulen... 

...aus örtlich abgebautem Hartgestein.

1989 wurde die Kirche wegen Baufälligkeit gesperrt und 1997 feierlich eingeweiht.