Dienstag, 30. Mai 2017

Bad Muskau

Einwohnerzahl: 3646
Geburtstag: 1249 (erstmals urkundlich erwähnt)
Bekannt für: einen Fürsten, der Ahnung vom Gärtnern hatte; den Polenmarkt; 1 nice Neiße

Insider-Tipp: Nicht dem Parkleitsystem vertrauen, denn es folgt dem Motto: "Wenn du nicht genug Parkplätze für Besucher hast, verwirre sie mit Pfeil-Schildern."

Wer mit der Aussicht auf ein leckeres Eis extra in den Fürst-Pückler-Park nach Bad Muskau fährt, kann sich den Weg sparen und sollte lieber zur nächstgelegen Kühltruhe pilgern. Wer jedoch Bock hat auf ein Schloss mit einem riesigen Park im englischen Stil, durch den die kürzeste Tour 45 Minuten dauert, ist hier absolut richtig.

Mit dem Fürsten auf Entdeckungstour: "Hier oben angelangt erblickt man unter sich einen See von bedeutendem Umfang mit einigen belaubten Inseln, und einer großartigen Waldansicht auf die Berge im Hintergrunde."

"Wir erreichen eine neue Seite des pleasureground [so nennt Pückler sein geschmücktes Parkzentrum], an dessen Eingang eine bunte Gloriette nach Schinkels Zeichnung von ihrem Blüthenhügel in das Thal hinabschaut."

Seewiese



Rückansicht des Schlosses

Kavalierhaus

Schlossbrücke

Die Besonderheit des Parks besteht schon allein darin, dass er inzwischen zu zwei Dritteln auf polnischem und zu einem Drittel auf deutschem Gebiet liegt. (Das ist beim derzeitigen politischen Modetrend der Abgrenzung verwaltungstechnisch schon bemerkenswert. Baut Grünanlagen, keine Mauern) Die Anlage im Stil eines englischen Parks wurde ab 1815 durch Fürst Hermann von Pückler-Muskau konzipiert und umgesetzt. Es wurden Grundstücke gekauft und Dörfer umgesiedelt. Als Fürst darf man das. Und dieser Fürst hatte durch seine zahlreichen Reisen genug Inspiration gesammelt. Leider waren viele der fürstlichen Visionen ohne das nötige Kleingeld nicht umsetzbar. Es scheint so, dass Adelige sehr oft sehr wenig Geld hatten. Vielleicht liegt dies aber auch an einer gewissen Diskrepanz zwischen dem Inhalt der Schatzkammer und dem immerwährenden Drang des Representens, welches dem durchschnittlichen Blaublüter innewohnt.
Fürst Pückler war eine sehr schillernde Person, die man beim Durchlaufen der Dauerausstellung im Neuen Schloss näher kennenlernen darf. Die Gefühle, die man beim Betrachten seiner Biographie hat, schwanken zwischen Mitleid und Bewunderung. Seine Eltern hatten ihn nie so richtig lieb. Sein Großvater mütterlicherseits war eine seiner wenigen familiären Bezugspersonen. Mit seiner adeligen Herkunft haderte er oft und verachtete die „Hofschranze“, war sich seines Standes aber durchaus bewusst und schnell beleidigt, wenn man ihn zu höfischen Festen nicht einlud. Der üblichen Grand Tour eines Adeligen durch Europa folgten viele weitere Reisen bis in den Nahen Osten und nach Nordafrika. Dabei war der Fürst oft auf sich selbst gestellt. Seine Reisetagebücher veröffentlichte er später, sowie auch andere literarische Erzeugnisse. Er war schon zu Lebzeiten ein Bestseller-Autor. Durch den Briefwechsel mit Bettina von Arnim stand er in direktem Kontakt mit den deutschen Vertretern der Romantik. Er war verheiratet mit Lucie von Hardenberg. Da der Fürst in seiner Ehefrau aber nur eine Art mütterliche Freundin sah, hatte er nebenbei noch zahllose andere Liebschaften, von denen ihn keine langfristig glücklich machte. Aus Geldnot ließen sich Lucie und Hermann sogar pro forma scheiden, damit Pückler erneut reich heiraten könne, um den Ausbau des Parks weiter zu finanzieren. Sie hatten keine Kinder. Der Ausbau ihrer Parks in Muskau und Branitz sind das, worin ihr ganzes Herzblut steckt.

Die Grundmauern des Neuen Schlosses dienten schon seit 1245 als mittelalterliche Befestigungsanlage. Fürst Pückler wollte es im Zuge seiner Landschafts- und Gartengestaltung in einen klassizistischen Bau umwandeln, musste dieses Projekt aber auf Grund des schon beschriebenen Geldmangels aufgeben. Erst sein Nachfolger der Prinz der Niederlande, Friedrich von Oranien-Nassau, wandelte das Schloss in einen Bau im Neorenaissancestil um. Zahlreiche filigrane Schmuckelemente, besonders auf dem Dach, machen das Schloss zu einem wahren Schmuckstück. So schön wie jetzt sah das Schloss aber nicht immer aus. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde das Neue Schloss geplündert und schließlich von sowjetischen Soldaten niedergebrannt. Während der DDR-Zeit wurde das es zwar enttrümmert, zu einer Restaurierung kam es jedoch nicht. Das Gebäude blieb als Ruine bestehen und wurde erst ab 1996 bis 2011 restauriert.
Auch der Park wurde durch den Zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Er diente eine Zeit lang als Anbaufläche für Gemüse. Da Polen seinen Teil des Parks als Naturschutzgebiet deklarierte, wuchs er mit der Zeit zu. Auf deutscher Seite wurde er seit den 1960er Jahren rekonstruiert und gehört seit 2004 mit dem polnischen Teil zum UNESCO-Welterbe.

Von hier entfaltet sich eine grandiose Sicht in die Tiefen des Parks. Dafür beseitigt Pückler 1815 die barocken Gärten seiner Vorgänger und gliedert die neu entstandene Schlosswiese mit einer markanten Pappelgruppe.

"Ich nehme an, dass man vom Schlosse ausgeht. In der Mitte tritt eine breite Treppe aus Schinkels Rampe hervor, welche auf fünfzehn Granitstufen nach dem Rasen des Bowling Green hinabführt."

Seit 2009 bzw. 2010 stehen wieder zwei Löwen auf den Treppenwangen.


La Familia: links die väterliche Linie derer von Pückler, rechts die mütterliche Linie derer von Callenberg 

Hermann Fürst von Pückler-Muskau herrscht Anfang des 19. Jahrhunderts über die Güter des beschaulichen Muskau. Doch Pückler ist nicht einfach nur Fürst - als Frauenheld, Verschwender, Reisender, Schriftsteller und vor allem als Gartenkünstler sorgt er weltweit für Schlagzeilen.

Fürst Pückler verschreibt dem Gärtnern sein Leben. Er bezeichnet sich als grünsüchtig, "parkoman".
Schlossgarten
"Bei Anlegung dieses Gartens habe ich mich ganz freier Laune überlassen, und Regelmässiges mit Unregelmässigem ohne Scheu verbunden." Der Garten wird 1919 aufgegeben. Moderne Edelstahlelemente deuten nun Pücklers ursprünglichen Entwurf an.

"... wer Muskau gesehen, hat mir ins Herz gesehen."

Pücklers Erlebnisse bieten Stoff für Legenden und Abenteuergeschichten. 

Er erzählt sie allzu gern selbst, inszeniert sich in Briefen, Tagebüchern und Reisebeschreibungen.

Von der Hofstube zur Bibliothek
So alt die Decke der historischen Bibliothek auf den ersten Blick erscheinen mag, so stellt sie doch eine Neuschöpfung dar.

Die Brandstiftung im April 1945 zerstörte auch in diesem Raum fast alle Originalbefunde.

Die historische Stuckdecke entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts, als Curt Reinicke von Callenberg ab 1646 umfangreiche Baumaßnahmen am Muskauer Schloss veranlasste.
Fotografien, die um 1920 aufgenommen wurden, dienten als Vorlage für die Nachbildung.



Historischer Abriss

Fürst Hermann Heinrich von Pückler-Muskau

30. Oktober 1785
Geburt auf Schloss Muskau
Mutter: Gräfin Clementine von Callenberg
Vater: Graf Ludwig Carl Hans Erdmann von Pückler
ab 1792
schulische Ausbildung bei der Herrnhuter Brüdergemeinde in Uhyst, im Pädagogium in Halle und im Philanthropinum in Dessau
1800
Immatrikulation an der Universität Leipzig, später Abbruch
1802-1806
militärische Laufbahn als Leutnant im sächsischen Garde du Corps in Dresden
1806-1810
Grand Tour durch ganz Europa
1811
Tod des Vaters; gibt Verwaltung an Freund ab
1812
erste Reise nach England
1813
Teilnahme an der Völkerschlacht bei Leipzig
09. Oktober 1817
Heirat mit Lucie von Hardenberg
1822
Erhebung in den Fürstenstand
1825-1829
Reise durch England und Irland
1826
Scheidung von Lucie
1834-1840
Reise durch Nordafrika und den Nahen Osten
1845
Verkauf der Standesherrschaft Muskau und Umzug nach Branitz
04. Februar 1871
Tod auf Schloss Branitz

Das Neue Schloss und der Fürst-Pückler-Park


1245
Frühe (Wasser-) Burg
1361
Erwähnung als „veste“ (steinerner Bau)
15. Jh.
Bebauung im Bereich des heutigen Süd- und Westflügels
16. Jh.
Umbau zum repräsentativen Renaissanceschloss unter Hans Georg von Schönaich
Ende 16. Jh.
Angliederung des Nordflügels
1643
Beschädigung durch Brandstiftung
17./18. Jh.
Ausbau als barocke Dreiflügelanlage unter Familie von Callenberg
1815-1826
Großflächige Umgestaltung des Schlossareals unter Fürst Pückler
1820
Errichtung des Englischen Hauses im Park
17. April 1830
Anpflanzung dreier ca. 20 Jahre alter kanadischer Pappeln
1863-1867
Statische Sicherung und Umbau im Stil der Neorenaissance unter Prinz Friedrich der Niederlande
1919-1925
Letzter umfassender Umbau des Schlosses unter Familie von Arnim; Errichtung des Saalanbaus
1931
Erklärung von 241 ha zum Naturschutzgebiet „Muskauer Park“
1945
Zerstörung durch Brandstiftung nach Durchzug der Frontlinien; Enteignung der Familie von Arnim; Zuordnung von Schloss und Park zur Stadt Muskau
1992
Übernahme durch den Freistaat Sachsen; Notsicherung der Schlossruine
1996
Beginn der äußeren Instandsetzung
2001-2003
Ausbau des Nordflügels
2004
Sanierung der Schlossrampe; Erhalt des UNESCO-Welterbe-Titels
2005
Beginn der Fassadenarbeiten am Südflügel
2006
Aufbringung der Laterne sowie der Bekrönungsfigur auf den Südwestturm
2007
Beginn der Fassadenarbeiten am Westflügel, Fertigstellung der Ostfassade
2008
Eröffnung des Südflügels
2012
Innenausbau des Westflügels
2013
Fertigstellung des Innenausbaus des Festsaals und damit Abschluss des Wiederaufbaus des Neuen Schlosses

Freitag, 19. Mai 2017

Museum im Stasi-Bunker



Die Sonne scheint und die Vögel zwitschern. Die ganze Natur summt und brummt. Was könnte es Schöneres geben? Ein Besuch im Stasi-Bunker in Machern, zum Beispiel. Ganz idyllisch im Naherholungsgebiet Lübschützer Teiche gelegen, stößt man, nach einem netten Spaziergang durch die Waldgartensiedlung, auf ein Gelände mit vielen mehr oder weniger gut erhaltenen Gebäuden. Vor jedem Gebäude steht ein kleines Info-Täfelchen und klärt darüber auf, welche Funktion diese hatten. Die allerwichtigste Funktion der Bauten ist hingegen die Tarnung des gesamten Areals. Es soll der Anschein erweckt werden, dass hier alles in bester Ordnung und durchschnittlich spießig ist. Wenn man dann die große Halle betritt, ist es aber vorbei mit der Spießigkeit. Eine in Beton gegossene Treppe führt nach unten und es eröffnet sich ein spannendes Kapitel der DDR-Geschichte.



Die sogenannte Ausweichführungsstelle wurde 1968 bis 1971 erbaut und sollte im Spannungs- und Mobilmachungsfall dazu dienen, der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Leipzig, die in der „Runden Ecke“ residierte, den Machtanspruch auch im Ausnahmefall zu sichern. So ein Ausnahmefall war, zum Beispiel, der Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Denn falls man es nicht schaffte, den wütenden Mob zeitnah niederzuknüppeln, musste man ja irgendwohin, wo man in Ruhe weiterarbeiten konnte.
Aber auch für den nuklearen Ernstfall war der Bunker jederzeit vorbereitet. Einhundert führende Stasigenossen, inklusive Verbindungsoffizieren des KGB hätten in dem 1.435 qm großen Bunkerinneren Platz gehabt. Praktisch wurde der Bunker nie genutzt, da es nach 1953 zu keinem der postulierten Ausnahmefälle kam. Wenn man heute durch den Bunker spaziert und sich die Ausstattung ansieht, fragt man sich schon wer hier eigentlich wen verarscht. Der Bunker hätte mit nur 5 m Tiefe keiner Bombardierung standgehalten. Die Nutzung des Bunkers war für zehn Tage geplant. Ich bin kein Atomphysiker, aber im Falle eines nuklearen Angriffs halte ich das doch für etwas knapp bemessen. In dieser Hinsicht offenbaren sich noch andere Skurrilitäten. In jedem der Stollen stehen Luftaufbereiter, die mit Asbestplatten versehen waren. Die Luftversorgung ist sowieso eine sehr interessante Sache, denn von außen durfte ja keine Frischluft zugeführt werden. Es gab viele Schadstofffiltersysteme und zwei Dieselmotoren, die die Stromversorgung für zwei Monate gesichert hätten. Aber wohin mit den ganzen Abgasen, wenn man sie nicht nach draußen ableiten kann, weil dort noch der Fallout vor sich hinwabert? Man durfte nicht mal die Toilettenspülung betätigen, da sonst zu viel Luft von außen angezogen worden wäre. Der Plan war, dass der Stuhlgang in Plastiktüten verstaut und in tonnenähnlichen Eimern gelagert werden sollte. Einhundert Menschen deren Fäkalien zehn Tage lang in Eimern lagern. Ich weiß schon, weshalb ich kein Geheimagent geworden bin. Bei Michael Westen mag das alles sehr stylish aussehen, wie er im silbergrauen Anzug durch die Gegend rennt, aber die Realität ist, wie so oft, ästhetisch nur schwer zu ertragen.

Wieder oben in der Halle angekommen gibt es noch eine kleine Ausstellung mit Erläuterungen zum Bunker, zum Kalten Krieg und dem MfS. Anschließend kann man noch über das 5,2 ha große Gelände flanieren und die restlichen Gebäude ansehen, die mit zum Objekt gehören und als Ferienanlage des VEB Wasserversorgung und Abwasserbehandlung getarnt waren. Dann läuft man zurück durch die Kleingärtneridylle und am Parkplatz angekommen, muss man entweder lachen, weinen oder mit dem Kopf schütteln. Das sei jedem selbst überlassen.

Historischer Abriss

Stasi-Bunker

1968-71
Bau des Bunkers am Rande der Gartensiedlung
1970er
Bau der Legendierungshalle mit Schlosserei als Sichtschutz
04. Dezember 1989
Entdeckung des Bunkers durch den Pfarrer der Stadt Machern
Januar 1990
bei einer Pressekonferenz wird der Bunker erstmals für Öffentlichkeit zugänglich

Waldgartenverein Lübschützer Teiche e. V.

Anfang 1920er
Nutzung der Teiche für den Badebetrieb
1929
Entstehung einer Zeltstadt für Erwerbslose
01. Juli 1933  
Gründung der Laubenkolonie am Sorgenberg
23. Juli 1933
gewaltsame Auflösung des Zeltlagers durch SS u. a.
04. April 1946
offizielle Gründung der später sogenannten Alfred-Frank-Siedlung
1954-1958  
Bau eines Erholungs- und Schulungsheimes
1963 
Lübschützer Teiche werden zum Naherholungsgebiet erklärt
ab 1972
Bau von Bungalows durch verschiedene Leipziger Betriebe
1990
Eintragung des Vereins als Wochenendsiedlerverein Lübschützer Teiche (später Umbenennung in Waldgartenverein)
01. Januar 2000
Ankauf der Siedlungsgrundstücke durch den Verein selbst
        
Die Bunkeranlage war als Ferienobjekt getarnt und offizieller Teil der Alfred-Frank-Siedlung. Die Bewohner der Siedlung hatten nach eigenen Angaben keine Kenntnis von der Existenz des Bunkers.

Haupteingang

Wohnhaus des Bunkerkommandanten

Das Haus täuschte die zivile Nutzung des Geländes vor. Das Kellergeschoss diente den sechs MfS-Mitarbeitern der Wartungsmannschaft als Pausen- und Schulungsraum. Der Bunkerkommandant war Referatsleiter im Dienstrang eines Majors. Seine Frau arbeitete als Putz- und Küchenhilfe beim MfS. Das Haus ist heute Eigentum der Gerichshainer Bau- und Wohnungs-GmbH.

Offizier für Verbindung und Koordinierung
Gäste

Leiter der Bezirksverwaltung





Das Herzstück der Anlage
Nachrichtenzentrale
Schalt- und Übertragungsstelle
Nachrichtenzentrale
Fernschreibvermittlung
Fernschreibstelle
Chiffrierstelle

Medizinischer Punkt

Legendierungshalle mit Schlosserei

Zur Tarnung der Bunkereingänge, vor allem gegenüber westlicher Satellitenaufklärung, wurde diese Halle gebaut. Ihre leichte Bauweise aus Fertigteilen sollte die Verschüttung der Eingänge im Falle einer Zerstörung verhindern. In einem abgeteilten Seitenraum befand sich eine Schlosserwerkstatt. Die restliche Fläche diente zur Lagerung der Mobilmachungsreserve.



Tischlerwerkstatt

In diesem Flachbau befand sich eine vollständig eingerichtete Tischlerwerkstatt. Da das Gelände und der Bunker von keiner zivilen Firma betreten werden durfte, mussten alle arbeiten von den MfS-Mitarbeitern selbständig ausgeführt werden. Die originale Inneneinrichtung blieb nicht erhalten.