Donnerstag, 31. August 2017

Großbothen

Einwohner: 3.396
Geburtstag: 1291 (urkundliche Ersterwähnung)
Bekannt für: …

In Großbothen weiß man, wie man Feste feiert, auch wenn sie gar nicht richtig fallen.


Wenn man nicht die Sehenswürdigkeit findet, zu der man eigentlich wollte, sollte man nicht gleich frustriert die Heimreise antreten, sondern einfach solange weiterfahren, bis sich etwas anderes findet. Dann kann es nämlich passieren, dass man eine kleine Museumsperle findet, wie zum Beispiel den Wilhelm Ostwald Park.
Jetzt werden sich hoffentlich viele (unter anderem ich selbst) fragen, wer Wilhelm Ostwald ist? Und das ist ganz traurig, weil vermutlich jeder von uns schon einmal in irgendeiner Form Kontakt hatte mit einer seiner Arbeiten. Und einen Nobelpreis hat er auch bekommen. Leider macht naturwissenschaftlicher Ruhm nicht so sexy, wie beispielsweise ein Oscargewinn. Deshalb folgen hier einige Eckdaten zur Person.

Wilhelm Ostwald

1853
Geburt in Riga
1864-1871
Besuch des Realgymnasiums in Riga
1872-1875
Chemiestudium an der Universität Dorpat
1879
Dissertation zum Thema „Volumchemische und optisch-chemische Studien
ab 1880
Privatdozent für physikalische Chemie an der Universität Dorpat
Heirat mit Helene von Reyher; fünf Kinder
1882-1887
Professor für Chemie und Ordinarius am Polytechnikum Riga
1887-1905
Inhaber des Lehrstuhls für physikalische Chemie an der Universität Leipzig
1905-1906
Vorlesungen in Harvard, an der Columbia und dem MIT
1906
Emeritierung und Verlegung des Hauptwohnsitzes nach Großbothen
1909
Erhalt des Nobelpreises für Chemie für seine Forschungen zur Katalyse, chemischen Gewichtsverhältnissen und Reaktionsgeschwindigkeiten
1913
Gründung des Verlags UNESMA
1926/27
Veröffentlichung der Autobiographie „Lebenslinien“
1932
Tod in Leipzig

Das Hausmeisterhaus

Blick in den 7 ha großen Park

1901 erwarb Ostwald das Haus für den Sommeraufenthalt seiner Familie.

Nach dem Umbau des Hauses und der Emeritierung Ostwalds wurde Großbothen ab 1906 fester Wohnsitz der Familie und das Haus erhielt den Namen Energie.

Wilhelm Ostwald war ziemlich umfassend interessiert und man kann ihn wohl als Universalgelehrten bezeichnen. Neben der physikalischen Chemie widmete er sich auch der Farbenlehre und der Naturphilosophie. Er musizierte und malte gern zur Entspannung und brachte mit seinem Kollegen Jacobus Henricus van’t Hoff die Zeitschrift für physikalische Chemie sowie etliche Lehrbücher heraus. Getreu dem Motto „Vergeude keine Energie – verwerte sie!“ forschte er auf den Gebieten Gewinnung von Sonnenenergie und Windkraft. Ich habe bestimmt noch viele Themenbereiche vergessen, mit denen er sich beschäftigte. Wilhelm Ostwald ist ein sehr beeindruckender Mensch und seine Lebensleistungen sind für einen Nicht-Naturwissenschaftler wahrscheinlich kaum zu erfassen. Trotzdem habe ich wieder etwas gelernt und bin sehr neidisch auf seine Bibliothek(en).

Sein schriftstellerisches Schaffen umfasst 6.000 Rezensionen und Referate, , über 1.000 Aufsätze, Artikel und Reden und 45 Lehrbücher und Monographien.
Im Frühjahr 1911 gründete Wilhelm Ostwald zusammen mit Karl Wilhelm Bührer und Adolf Saager "Die Brücke - Internationales Institut zur Organisierung der geistigen Arbeit". Unter den Mitgliedern waren unter anderem William Mitchell Ramsay, Rudolf Diesel, Marie Curie und Wilhelm Exner..

Die Bibliothek ist in zwei Räumen untergebracht und umfasst 24.000 Titel, die Ostwald alle selbst angeschafft hat.


Der Doppelkegel
Seit 1912 beschäftigte sich Ostwald mit der Farbenormierung und erarbeitete eine eigene Farbordnung. Der Doppelkegel besteht aus 24 jeweils farbtongleichen Dreiecken, auf denen sich jeweils außen die Vollfarbe befindet.



Der schöne Fußboden im Haus Energie

Das Haus "Glück auf" wurde 1914 erbaut und vom mittleren Sohn Walter und seiner Familie bewohnt.

Das Haus "Werk" wurde 1916 gebaut und diente der Farbforschung und der Herstellung von Anschauungs- und Schulungsmaterial.

Das Haus "Waldlust" wurde um 1912 errichtet und war das Wohnhaus des ältesten Sohnes Wolfgang.


Seine letzt Ruhestätte fand Wilhelm Ostwald im Steinbruch.

Die Streuobstwiese

Die Windturbine zur autonomen Trinkwasserversorgung der Häuser des Landsitzes "Energie" wurde 2003 anlässlich des 150 Geburtstages von Wilhelm Ostwald aufgestellt.

Der Göpel
Er wurde seit 1906 von zwei Eseln angetrieben und sicherte die Trinkwasserversorgung.

In Großbothen gibt es sonst nichts weiter Aufregendes zu entdecken. (Vielleicht hätte ich lieber mal nach Kleinbothen fahren sollen.) Mittwochs nach eins ist da echt nicht viel los. Trotzdem habe ich wie immer die schönsten Häuser fotografiert, die ich finden konnte.





Ja, das war jetzt gemein. Obwohl es wirklich schöne Häuser wären, wenn sie doch jemand retten würde. Im Anschluss folgen noch paar mehr oder weniger gelungene Exemplare. (Etwas weniger gelungen war auch das Auto mit der hübschen 88 und den Dynamo-Stickern. Aber das darf man ja heutzutage in Sachsen nicht mehr laut sagen, sonst gilt man gleich als links und Karl Marx persönlich aus dem Unterleib gekrochen.) 

So, hier bitte, hübsches Fachwerk.


Die Dorfkirche Großbothen

Reste der Vorgängerbauten weisen auf einen romanischen Ursprung hin. Später wurde sie im gotischen Stil umgebaut.

Und noch mehr hübsches Fachwerk.


Das ehemalige Haus der Freiwilligen Feuerwehr
Da passen nicht allzu viele Bierkästen hinein.

Ich frage mich, ob das noch benutzt wird.


Eins meiner Lieblings-DDR-Zaun-Designs...
.... gleich zweimal gefunden (ganz ohne Ironie, ich finde die hübsch) 
Und leise plätschert der Schaddelbach...
Und noch eine schöne Ruine zum Abschluss.

In diesem Haus wohnte und starb Wilhelm Wundt, der Begründer der Psychologie als eigenständiger Wissenschaft.

Und wer hat's gewusst? Mal wieder niemand.



Samstag, 26. August 2017

Frohburg

Einwohner: 10.204
Geburtstag: 1198 (urkundliche Erwähnung als Siedlung)
Bekannt für: Menschen, die auf motorisierten Zweirädern im Dreieck rennen



Man kann in Frohburg nicht nur dreieckige Rennen besuchen, sondern auch das gleichnamige Schloss. Es mag vielleicht nicht vielversprechend aussehen, aber wie wir 90er-Kinder in „Die Schöne und das Biest“ gelernt haben, sollte man sich davon nicht täuschen lassen, da man die Schönheit im Verborgenen findet. Und das gilt hier ebenso.
Im Schloss findet man neben klassizistischen Highlights wie dem Steinsaal und weiteren wiederhergestellten Räumen, eine Sammlung historischen Spielzeugs (mit den gar nicht gruseligen Puppen) und einen beachtlichen Bestand an Keramiken von Kurt Feuerriegel.

Schloss Frohburg erhebt sich auf einer Anhöhe über der Wyhra.




Der Steinsaal - Die Raumausmalung orientiert sich weitgehend an antiken Motiven.

Kurz nachdem der 21-Jährige Schlossbesitzer Erich Blümner 1804 von einer Bildungsreise aus Italien zurückkam, lies er den Saal umbauen und neu einrichten.

Das Wandbild "Nemisee" zeigt arkadische Landschaften und wurde 1805 von Carl Ludwig Kaaz geschaffen.
Die Holzbalkendecke mit Schiffskehlung

Barockes Treppenhaus im Westflügel
Das ehemalige Empfangszimmer

Kurt Feuerriegel wurde 1880 in Meißen geboren und besuchte die Königlich-Sächsische Kunstgewerbeschule in Dresden. Nach seinem erfolgreich abgeschlossenen Studium wurde Feuerriegel von der sächsischen Regierung beauftragt, das, sich im Niedergang befindende, Töpferhandwerk der Stadt Frohburg neu zu beleben. Im November 1910 kaufte er die alte Kummersche Töpferei und gründete die Werkstätte Sächsischer Kunsttöpfereien. Gefördert wurde die breite Produktpalette, die von Fayencen bis zu Fassadenschmuck reichte, auch vom Besitzer des Schlosses Friedrich Krug von Nidda und von Falkenstein. Im Jahr 1960 stellte Kurt Feuerriegel die Produktion ein. Im Jahr darauf verstarb er in Frohburg.

Das Zusammenspiel von Handwerk und Kunst war Kurt Feuerriegel bei seiner Arbeit sehr wichtig.
Sein besonderer Anteil während des künstlerischen Schaffens lag beim Entwerfen und Modellieren, bei Versuchen mit Farben und Glasuren sowie in der Lehrtätigkeit.

Die Werkstätte Sächsischer Kunsttöpfereien gewann auf Grund der Begabung Feuerriegels schnell an Bedeutung.


Der Bildersaal mit seinem illusionistisch gemalten Tonnengewölbe
Es wird nicht besser, je länger man das Bild ansieht.



Being Einzelkind - true story

Historischer Abriss des Schlosses

um 1200
mittelalterliche Burganlage bestehend aus drei unterschiedlichen Gebäuden mit umgebendem Mauerwerk
bis 1509
mehrfacher Umbau bis zu seinem heutigen Grundriss
1695
unter dem Besitzer Georg Friedrich von Born erfolgte eine barocke Modernisierung
1777
durch öffentlichen Verkauf gelangte das Schloss an den Kammer-Kommissionsrat und Kreisamtmann Johann Gottfried Blümner 
1798-1815
im Besitz von Ernst Blümner; Gestaltung der klassizistischen Räume
bis 1945
bis zur Zwangsenteignung im Besitz der Nachfahren Blümners, der Familie Krug von Nidda und von Falkenstein
1946-1974
Nutzung als Kindergarten
ab 1952
im Besitz der Stadt Frohburg
1975
Einrichtung des Museums
2006-2010
umfassende Fassadensanierung


Der Mauerteich, im Hintergrund die Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Rittergutes
Die Stadt Frohburg ist an sich nicht besser oder schlechter als andere Kleinstädte dieser Größe. Und es war auch ganz schön ausgestorben, als ich da war. Das lag wahrscheinlich daran, dass es an einem Werktag war. Mittags. Da darf man vielleicht auch nicht zu überkritisch sein. Außerdem hat Ausgestorbenheit den Vorteil, dass einem nicht ständig Personen ins Bild laufen, wenn man schöne Häuser fotografieren will. Leider habe ich nicht viele fotografiert, weil mein Akku leer war. Ja, ja, immer sind die anderen Schuld. Aber es gibt zum Glück noch andere Rittergüter und Schlösser in der Gegend, da führt mich mein Weg sicher nochmal nach Frohburg.


Ich gehe mal stark davon aus, das das Relief auch aus der Werkstatt von Feuerriegel stammt. Ich habe aber leider keine Informationen dazu gefunden.

Ein Gebäude am Markt

Der Centaurenbrunnen auf dem Marktplatz (1899)

Das Rathaus (1877)

Die Kirche "St. Michaelis" (1233 erbaut)

Das ehemalige Gutshaus des Rittergutes ist ein Barockbau mit Mansardendach und Gauben. Es wurde 2014 saniert.