Sonntag, 25. Februar 2018

Röcken

Einwohner: 170
Geburtstag: 1232 (erstmals urkundlich erwähnt)
Bekannt für: den Geburtstort und die letzte Ruhestätte von Friedrich Nietzsche



Am 15. Oktober 1844 wurde Friedrich Nietzsche in dem kleinen Ort Röcken in der Nähe von Lützen als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren. Dort verbrachte er die ersten Jahre seiner Kindheit, bis er nach dem Tod des Vaters mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Naumburg zog. Doch nicht nur sein Geburtshaus findet man in der kleinen Gemeinde, sondern auch Nietzsches letzte Ruhestätte im Familiengrab an der Dorfkirche. Eigentlich wollte er auf der Halbinsel Chasté am Silser See bestattet werden, was seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, die sich um seinen Nachlass kümmerte, von den Weimarer Behörden verwehrt wurde. Sie selbst wollte ihren Bruder am liebsten in Weimar bestatten, um das von ihr dort gestaltete Nietzsche-Archiv zu einem Pilgerort zu machen. Letztendlich verbrachte sie seinen Leichnam nach Röcken und nach einer großzügigen Spende konnte der Pfarrer überredet werden, die Beisetzung auf dem alten Friedhof der Dorfkirche zuzulassen. Der Pfarrer selbst war nicht zugegen, da Friedrich Nietzsche kein Gemeindemitglied war und sich in seinen Schriften kritisch zum Christentum und zur Religion im Allgemeinen geäußert hatte. Zu der nicht-kirchlichen Beerdigung erschienen Verwandte und Weggefährten Nietzsches die aus „Also sprach Zarathustra“ zitierten, anstatt aus der Bibel.

In der Folgezeit zog das Grab immer wieder Besucher an. Durch Nietzsches starke Rezeption während der Zeit des Nationalsozialismus, galt er in der DDR (und nicht nur dort) als Nazi-Philosoph und wurde in der Forschung weitgehend ignoriert. Trotzdem wurde die Grabstätte immer wieder besucht und letztendlich 1986 unter Denkmalschutz gestellt. Auch die Beurteilung des Werkes Nietzsches erfuhr neue Perspektiven. (Über die Bedeutung von Friedrich Nietzsche innerhalb der Philosophie kann ich nichts sagen, da ich davon überhaupt keine Ahnung habe und mir nur oberflächliches Halbwissen angelesen habe. – Anm. der Autorin)

Anlässlich seines 100.Todestages im Jahr 2000 wurde die Skulpturengruppe „Röckener Bacchanal“ des Künstlers Klaus F. Messerschmidt eingeweiht. Dabei handelt es sich um Bronzen mit einem weißen Überzug, die Nietzsche dreimal und seine Mutter einmal an seinem eigenen Grab zeigen. Die Idee zu diesem Ensemble geht auf einen Traum zurück, den Nietzsche seinem Freund Jacob Burckhardt 1889 in einem Brief beschrieb. Im Jahr 2003 wurde die ganze Gedenkstätte bestehend aus dem Geburtshaus, der Taufkirche, der Dorfschule und des Familiengrabs aufwendig saniert und die jetzige Ausstellung eingerichtet, die Nietzsches Lebensstationen zeigt, aber dabei besonders auf seine ersten Lebensjahre und seine familiären Verbindungen in und um Röcken eingeht.


Die Dorfkirche
Die ältesten Bauteile stammen aus dem 12. Jahrhundert. Im 15. und 16. Jahrhundert folgte ein Ausbau, da die Gemeinde anwuchs.

Das Grab Friedrich Nietzsches neben seiner Schwester und seinen Eltern.


Zwei Epitaphien der letzten Ritter von Kratzsch aus dem 17. Jahrhundert

Die Orgel wurde im Jahr 1788 aufgestellt. Über ihr genaues Alter oder die Herkunft ist nichts bekannt.

Das Röckener Bacchanal
von Klaus F. Messerschmidt


Der Ausstellungsraum im Nebengebäude des Geburtshauses




Das Geburts- und Pfarrhaus
Röcken

Samstag, 3. Februar 2018

Waldheim

Geburtstag: 1198 (erstmals urkundlich erwähnt)
Einwohner: 6.969
Bekannt für: die JVA; die Waldheimer Prozesse; irgendwas mit Napoleon



Die häufigste Strecke, die ich befahre, ist wahrscheinlich die zwischen Dresden und Leipzig. Auf den Autobahnen A4 und A14 stehen, wie an allen bundesdeutschen Autobahnen, touristische Unterrichtungsschilder. Das sind die braunen Hinweistafeln, die einem sagen an welchen kulturhistorischen Höhepunkten man gerade achtlos vorbeibrettert. Ich hatte auf besagter Strecke fast alle kulturhistorischen Höhepunkte abgegrast (bis auf die Döbelner Pferdebahn, den Klosterpark Altzella und das Schloss Nossen). Dann wurde im letzten Jahr zwischen Leisnig und Döbeln-Nord ein neues Schild aufgestellt. Darauf wurde für die Stadt Waldheim geworben und ich blieb ein bisschen ratlos zurück, weil ich mit der Stadt nicht gerade rühmliche Themen verbinde. Aber da ich leicht zu ködern bin, sei es mit braunen Schildern am Straßenrand, kostengünstig produzierten Handzetteln oder dem Hinweis „Speisen und Getränke umsonst“, ließ ich es auf einen Versuch ankommen und besuchte die Stadt, um herauszufinden, ob sie wirklich die Perle des Zschopautales ist. Spoilerwarnung: ja, ist sie.

Was gibt’s da zu sehen? (wie immer ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Das Rathaus









Da die Stadt im 19. Jahrhundert wuchs und damit verbunden auch die Verwaltung, beschloss man im Jahr 1897 einen Rathausneubau. Dieser wurde im Jahr 1902 fertiggestellt. Das Rathaus wurde im Jugendstil errichtet und ist damit ästhetisch sehr gelungen. Für mich ist es das schönste Rathaus, dass ich je gesehen habe. Und wer diesen Blog öfter liest, weiß hoffentlich, dass ich dieses Prädikat nicht leichtfertig vergebe. Die Turmuhr hat mit einem Durchmesser von 3, 8 m übrigens das zweitgrößte Ziffernblatt Deutschlands.

Die Zschopaubrücke

Blick auf die Brücke

Blick von der Brücke

Sie ist die älteste Brücke der Stadt und wurde 1713 nach Plänen des Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann gebaut (das ist der, der auch den Dresdner Zwinger gebaut hat).

Die Stadtkirche St. Nicolai



Der ehemalige Standort der Kirche auf dem Markt

Im Jahr 1832 zerstörte ein Brand die Stadtkirche auf dem Markt. Der Neubau wurde 1842 auf dem Kellerberg, etwas oberhalb des Marktplatzes, eingeweiht. Auf dem Marktplatz erinnert eine Gedenkplatte an den abgebrannten Vorgängerbau.

Der Wettinbrunnen

Der Brunnen sieht im Sommer bestimmt noch schöner aus.

Der Brunnen wurde 1902 bis 1903 an der Stelle der abgebrannten Kirche zu Ehren des sächsischen Königshauses errichtet.

Die Postmeilensäule



Die historische Postmeilensäule stand von 1724 bis 1840 auf dem Markt. Im Zuge der Neugestaltung des Marktes wurde 2002 eine Nachbildung an dieselbe Stelle gesetzt.

Das Stadt- und Museumshaus





Was mich an Kleinstadt- bzw. Heimatmuseen am meisten fasziniert, ist, wie mit der Tatsache umgegangen wird, dass es oft nicht sehr viele Objekte gibt. Es kommt aber eben nicht auf die Quantität der Objekte, sondern auf die Qualität der Präsentation an. Eine Museumsvitrine wie einen Truhe oder einen Schrankkoffer zu gestalten, ist, zum Beispiel, eine sehr gute Idee.


Seit November 2017 findet man, in dem im Volksmund genannten Napoleonhaus, ein Museum. Das Haus, welches 1771 erstmals erwähnt wurde, gehörte seit 1810 dem Christian Friedrich Riehle. 1813 übernachtete Napoleon hier. Bis zu seiner Sanierung ab 2011 verfiel das Gebäude im 20. Jahrhundert sehr stark. Wie es trotzdem vor dem Abriss gerettet wurde, sowie weitere Stadtgeschichten aus Waldheim werden im Dachgeschoss des Hauses erzählt. Die anderen Ausstellungsräume widmen sich einem berühmten Sohn der Stadt: Georg Kolbe (1877-1947). Seine Plastiken finden sich nicht nur im Museum, sondern auch am Georg-Kolbe-Platz und auf dem Friedhof (auf dem ich aber leider nicht war).

Die Justizvollzugsanstalt


Die spätgotische Kloster-/Schlosskirche wurde um 1500 erbaut.

Da ich über die Geschichte der ganzen Anlage noch nicht genug recherchiert habe und hier keine wagen Gerüchte à la „hab ich mal gehört“ zum Besten gebe, gibt es nur einen kleinen historischen Abriss. Im Jahr 1271 wurde erstmals urkundlich eine Burg zur Sicherung der Fernhandelsstraße erwähnt. Dietrich von Beerwalde stiftete 1404 das Augustiner-Eremitenkloster, welches bis 1549 bestand und im Zuge der Reformation aufgelöst wurde. Der sächsische Kurfürst Christian I. baute die Burg ab 1588 zum Jagdschloss aus. Im Jahr 1716 wandelte Kurfürst Friedrich August I. die Anlage in ein Zucht-, Armen- und Waisenhaus um. Seit 1830 diente das ehemalige Schloss nur noch dem Strafvollzug und ist damit Deutschlands älteste Justizvollzugsanstalt.

Die Eisenbahnbrücken




Um Waldheim herum wurden zwei schöne Viadukte gebaut, die auch sehr malerisch in der Landschaft liegen. Von denen habe ich aber keine Fotos gemacht. Ich habe nur die Eiserne Brücke/Lindenhofbrücke (im Volksmund „Krummer Hund“ genannt) erwischt. Das hoffe ich zumindest. Diese Brücke wurde 1895/96 für den Gütertransport gebaut, aber später auch für den Personenverkehr genutzt. Sie ist 171 m breit und inzwischen stillgelegt.
Die anderen Viadukte wurden zwischen 1846 bis 1852 erbaut. Da die Errichtung so astronomisch teuer war und das mal wieder keiner vorher gewusst hat, (man könnte über das Baugewerbe echt lachen, wenn es nicht so traurig wäre) musste die Chemnitz-Riesaer Eisenbahn-Gesellschaft Konkurs anmelden und wurde verstaatlicht. Der Streckenabschnitt zwischen Limmritz und Waldheim ist seitdem auch als Bankrottmeile bekannt und inzwischen eine Wanderroute.

                                                     

… weitere sehenswerte Dinge in Waldheim

Es gibt ziemlich viele Jugendstilbauten in Waldheim. Die meisten habe ich aber erst gesehen, als ich aus der Stadt wieder herausfuhr. Und da es nahezu unmöglich war rechts heranzufahren, ohne ein Hupkonzert und wildes Fingergefuchtel auszulösen, habe ich leider keine schönen Fotos machen können.

Das Geburtshaus von Georg Kolbe
Die "Große Kniende"(1935/36) von Georg Kolbe. Er schenkte die Skulptur der Stadt zum Dank für die Ehrenbürgerschaft. Das Gebäude dahinter wurde 1870 nach Plänen von Gottfried Semper errichtet.



Die Heiste aus dem 18./19. Jahrhundert in der Niederstadt. Dabei handelt es sich um einen erhöhten gepflasterten Gehweg, der die Anwohner vor Schmutz und Abwasser schützte.
Das Pumpenbübchen. Die aus Waldheim stammende Künstlerin Irmgard Biernath schuf die Bronzefigur 1998. Im Jahr 2011 wurde sie von Buntmetalldieben gestohlen. 2013 wurde ein originalgetreuer Nachguss aufgestellt.

Fassadentierchen

Der Gedenkstein zur Erinnerung an die Verurteilten der Waldheimer Prozesse. Die politischen Prozesse fanden von April bis Juni 1950 statt. Die Angeklagten , denen nationalsozialistische Verbrechen vorgeworfen wurden, wurden im Schnellverfahren ohne Verteidiger und Zeugen verurteilt.

... weniger sehenswerte Dinge in Waldheim


Es ist noch nicht alles Gold was glänzt, aber diese Stadt ist auf einem guten Weg.




Das ehemalige Postamt. 1921 fertiggestellt

Die ehemalige Spindelfabrik wird vermutlich bald abgerissen.